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Rupert Neudeck
Eine Fürsprache - für des Menschen Glück
Eine posthume Überraschung zum 100. Geburtstag von Albert Camus: Lou Marin editierte dessen »Libertäre Schriften«
On-line gesetzt am 3. November 2013
zuletzt geändert am 8. Dezember 2013
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Das Buch ist wie eine Offenbarung. Da fühlt man sich einem politischen Schriftsteller, der vor über einem halben Jahrhundert starb, nah, so nah. Seine Bücher sind einst von Millionen Menschen in Europa und Nordafrika begierig gelesen worden, waren ihnen Lebensbegleiter. Und heute? Wer kennt noch Albert Camus? Den Libertären, den Sozialrebellen, der vor 100 Jahren, am 7. November 1913, in Algerien das Licht der Welt erblickte. »Libertäre« werden im französischen Sprachgebrauch die Anarchisten genannt. Für deutsche Leser dürfte es das erträglichere Attribut sein als »Anarchist« oder »Anarcho-Syndikalist«. Denn diese Worte klingen im Deutschen schon fast nach Rote-Armee-Fraktion.

Die libertären Sozialrebellen waren der Ersten Internationale suspekt wie auch der orthodoxen Kommunistischen Internationale, vor allem aber der westlich-kapitalistischen Welt. Sie begründeten eine Tradition, die jegliche Autorität, den Staat und die zentralistische Bürokratie ablehnte und Eigentum Diebstahl nannte. In romanischen Ländern ist diese Tradition noch lebendig. Nicht so in Deutschland. Nun kann man sich hierzulande über sie informieren, durch Camus’ libertäre Schriften (1948 bis 1960). Zu verdanken ist das Lou Marin - ein Pseudonym, entlehnt dem Namen des letzten Wohnortes von Camus, wo der Schriftsteller und Philosoph auch seine letzte Ruhestätte fand: Lourmarin, berühmt als eines der »plus beaux villages de France« (schönsten Dörfer Frankreichs). In seiner ausführlichen Einleitung gibt Marin Einblick in das Leben von Camus und seine journalistischen Arbeiten. Er informiert über dessen Freundeskreis wie auch Anfeindungen und Auseinandersetzungen. Wir erfahren, wie es zum Bruch mit der moskauhörigen algerischen Kommunistischen Partei kam, der Camus 1936 beigetreten war und die er bereits im Folgejahr wieder verließ. Wir erfahren, dass er in den 1950er Jahren unter einer von Jean-Paul Sartre beherrschten intellektuellen Quarantäne litt; lediglich die anarchistisch-libertäre Linke hielt in der Zeit seiner größten Vereinsamung zu ihm.

Heute wieder von besonderer Aktualität erscheint Camus’ Kampf gegen Krieg und Kolonialismus. Er unterstützte die Bewegung der Kriegsdienstverweigerer und engagierte sich für den »Ungehorsam gegen den Algerienkrieg«. Das Buch enthält einen von ihm verfassten und von prominenten Persönlichkeiten Frankreichs (Abbé Pierre, Jean Giono, Jean Cocteau, Bernard Buffet) unterzeichneten Offenen Brief an Präsident Charles de Gaulle, in dem dieser um die Freilassung der in Gefängnissen schmachtenden Deserteure gebeten wurde und der vier Jahre vor dem Ende des Algerienkrieges auf große Resonanz stieß.

Camus’ Solidarität galt immer wieder auch den Widerstandskämpfern in Franco-Spanien und den Exilierten. Er war der einzige, der 1952 öffentlich gegen die Aufnahme von Franco-Spanien in die UNESCO und später in die NATO protestierte. Die Hälfte des Preisgeldes für den Literaturnobelpreis, den Camus 1957 erhielt, ging an eine Selbsthilfeinitiative der spanischen Anarchisten im Exil.

Camus war ein Parteigänger der antikolonialen Bewegung von Messali Hadj, einem populären algerischen Befreiungskämpfer, der von den Führern der nationalen Befreiungsfront FLN, die im Unabhängigkeitskrieg auf brutalen Terror setzten, ins Abseits gedrängt wurde. Camus’ und Hadjs Vorstellung von Revolte schloss, wie generell die der Anarchisten, Gewalt gegen Zivilisten aus. Marin erinnert an eine dramatische Begebenheit aus Anlass der Verleihung des Nobelpreises. Said Kessal, ein algerischer Student, hatte Camus in Stockholm zu provozieren versucht, ihn als Pazifisten diffamieren wollen. Camus’ klare Antwort: »In diesem Moment wirft man Bomben auf die Straßenbahnen von Algeriern. Meine Mutter könnte sich in einer dieser Straßenbahnen befinden. Wenn das Gerechtigkeit ist, dann ziehe ich meine Mutter vor.« Der Sozialrevolutionär Iwan Kalajew warf 1905 nicht wie geplant eine Bombe in die Kalesche des russischen Großfürsten Sergei Alexandrowitsch Romanow, als er bemerkte, dass in dieser dessen Frau und zwei Kinder saßen. Unschuldige zu töten, ging für die Anarchisten um Michail Bakunin gegen die »Ehre der Revolution«. In diesem Sinne blieb auch Camus unbeugsam: Terrorismus bleibt Terrorismus, Bomben in eine Menschenmenge zu werfen, ist durch nichts zu rechtfertigen.
Der Schriftsteller Jose Lenzini hat den heute 80-jährigen Kessal in Algier besucht und berichtet darüber in diesem Band. Kessal bekennt sich zu seiner Provokation, würdigt jedoch zugleich Camus: »Trotzdem betrachte ich ihn als ein moralisches Gewissen für Algerien.« Kessal entstammt übrigens dem Berbervolk der Kabylen, denen Camus seine großartige antikoloniale Reportage »Misère de la Kabylie« widmete. Als Kessal diese gelesen hatte, wollte er Camus besuchen. In Lourmarin angelangt, wurde ihm jedoch mitgeteilt, dass der Schriftsteller gerade, am 4. Januar 1960, bei einen Autounfall ums Leben gekommen war.

Die schönste Erinnerung an Camus stammt von Druckereiarbeitern und reflektiert dessen Engagement für die Zeitung »Combat« (Kampf), die während des Zweiten Weltkrieges von der Résistance gegründet worden war und in der nach 1945 neben Camus u.a. Sartre und André Malraux schrieben. Die Drucker über Camus: »Er liebte es, sich vor die Seiten im Bleisatz zu stellen ... Nie hat man den Namen Camus unter einem Leitartikel gesehen - er wollte kein Star werden.« Sein Mitstreiter Robert Proix über ihn: »Jedes Mal, wenn es darum ging, eine große Sache zu unterstützen oder einem Menschen, einer Gruppe, einer verfolgten Gemeinschaft zu Hilfe zu kommen, war Albert Camus in der ersten Reihe zu finden.« Camus ging es »um die Suche nach einer anarchistischen Alternative sowohl zum kapitalistischen Westen als auch zum etatistischen Osten«. In diesem Buch begegnen wir auch Simone Weil, für die Camus eine große Bewunderung hegte. Ein Brief von ihr an den französischen katholischen Schriftsteller Georges Bernanos fand Aufnahme in den Band: »Ich bin nicht katholisch, obwohl mir nichts Katholisches oder Christliches je fremd vorkam. Manchmal dachte ich, wenn man an den Kirchentüren Schilder aufhinge, die allen oberhalb einer niedrig angesetzten Einkommensgrenze den Zutritt untersagten, würde ich sofort konvertieren.«

Die libertären Schriften von Camus regen dazu an, noch einmal seine Bücher zu lesen. In ihnen manifestierte sich sein Credo: »Die Schriftsteller waren immer auf der Seite des Lebens - gegen den Tod. Wo wäre die Würde dieses lächerlichen Berufs, wenn nicht in der unablässigen Fürsprache für die Sache des Menschen und des Glücks?«

Lou Marin (Hg.): Albert Camus. Libertäre Schriften (1948-1960).
Laika-Verlag, Hamburg. 384 S., br., 24,90 €.

Der Rezensent, Gründer von Cap Anamur, promovierte 1972 zur politischen Ethik bei Sartre und Camus.

P.S. :

Seltenes Dokument der BBC über den Streit zwischen Camus und Sartre:

http://www.youtube.com/watch?v=_iW74PnBIGo



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